Was ist, wenn der eigene Vater Opfer von Rassisten wird? Ermordet, weil er in den Augen seiner Mörder nicht hierher gehört, nach Deutschland, weil er aus einem anderen Land stammte? Und was ist, wenn die verzweifelten Angehörigen nach der Tat von den Behörden keine Hilfe, keinen Trost bekommen, sondern erleben müssen, dass ihr geliebter Vater als selbst als Krimineller verleumdet wird?


Gamze Kubaşık aus Dortmund weiß genau, was dann ist – was dann war, als ihr Vater Mehmet Kubaşık am 4. April 2006 von der NSU ermordet wurde. „Danach“, sagt sie, „war nichts mehr wie vorher. Das Leben unserer Familie änderte sich quasi über Nacht vollkommen. Und auch heute noch ist nichts mehr, wie es einmal war.“
Im Rahmen unserer Projektwoche zum Thema „Rassismus und Courage“ setzten sich die Schülerinnen und Schüler des 9. Jahrgangs intensiv mit Gamze Kubaşıks Geschichte und den Themen Rassismus, Diskriminierung und gesellschaftliche Verantwortung auseinander. Grundlage der inhaltlichen Arbeit bildete Gamze Kubaşıks Buch „Unser Schmerz ist unsere Kraft“, das sie mit ihrer Freundin Semiya Şimşek und der Autorin Christine Werner geschrieben hat.

Die Unterrichtsmaterialien, die die Neuntklässler ebenfalls fleißig bearbeiteten, thematisierten unter anderem das, was Gamze Kubaşık „Erinnerungsarbeit“ nennt:
• die Vereinigung Nationalsozialistischer Untergrund (NSU), aus deren Reihen die Mörder kamen, beim Namen nennen
• den NSU-Prozess aufarbeiten und möglichst alle Akten einsehen
• den Umgang mit den Opferfamilien weiter untersuchen
• Rassismus im Alltag erkennen und benennen
• Demokratie und Werte des Zusammenlebens erarbeiten und nach ihnen leben
• die Bedeutung von echter Freundschaft in schwierigen Zeiten wertschätzen
• die eigene Geschichte des Vaters und das Schicksal seiner Familie festhalten und immer wieder darüber zu sprechen


Die Schülerinnen und Schüler hatten sich intensiv auf die Veranstaltung vorbereitet. Sie lasen nicht nur das Buch*, sondern erstellten auch aus den gelesenen Informationen Plakate zu den insgesamt zehn Opfern der NSU-Morde. Die Plakate wurden während der Veranstaltung auf Pinnwänden in der Aula ausgestellt.
Gamze Kubaşık nun persönlich kennenzulernen, war spannend für die jungen Zuhörenden. Ali Sirin, Moderator des Bündnisses „Tag der Solidarität – Kein Schlussstrich Dortmund“, führte durch die Veranstaltung. Im Anschluss an die Lesung konnten die Schülerinnen und Schüler viele Fragen stellen, die Gamze Kubaşık ausführlich beantwortete.


Fotos: Kald, krs
Eines war Gamze Kubaşık ganz wichtig: „Lasst euch nicht spalten, übernehmt Verantwortung und werdet laut bei Ausgrenzung. Wir müssen Netzwerke und gemeinsam gegen jede Art von Rassismus gegensteuern.“ Schulleiter Jens Kock fügte hinzu: „Auch in der Schule können und müssen wir sensibel sein für das Thema und im Alltag solidarisch mit denen sein, die ausgegrenzt werden.“
Diese Lesung wird den Zuhörenden noch lange im Gedächtnis bleiben, sagten viele: „Das Buch ist schon super interessant, spannend und es geht unter die Haut. Aber Gamze Kubaşık persönlich zu erleben, macht für uns die Projektwoche unvergesslich.“
*: Der Erwerb der Bücher für den 9. Jahrgang wurde durch die Bezirksvertretung9 (BV9) ermöglicht, der wir hier herzlich danken. Wir bedanken uns auch bei der Sprecherin der SPD-Fraktion in der BV 9, Martina Fockenbrock, für ihren Besuch bei der Lesung!
Unser Dank gilt zudem der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) und dem Kommunalen Integrationszentrum für ihre Unterstützung, der Buchhandlung Dietsch für die gute Zusammenarbeit sowie Gamze Kubaşık und Ali Şirin vom Bündnis „Tag der Solidarität – Kein Schlussstrich Dortmund“ für ihr Engagement und ihren wertvollen Beitrag.
Das Buch „Unser Schmerz ist unsere Kraft – Neonazis haben unsere Väter ermordet“ ist ein Jugendsachbuch; es wird empfohlen ab 14 Jahren und kostet 17,90 Euro.
Hier gibt es eine Leseprobe:
https://www.thalia.de/shop/home/artikeldetails/A1075014669

